Wie Achtsamkeit einem das Leben versüßen oder versauern kann

 

Probier's mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit jagst du den Alltag und die Sorgen weg.“ Der Bär Balu aus „Das Dschungelbuch“ wusste schon in den 60er Jahren, was ihm gut tut. Wieso ist also ein Bär „schlauer“ als ein Mensch und was hat die omni präsente Achtsamkeit damit zu tun?

 

Mein erster Einstiegspunkt, wenn ich mich über ein Thema informieren möchte ist, ich gehe zu Google. Wenn ich also den Begriff „Achtsamkeit“ bei Google eingebe, bekomme ich an die sieben Millionen Treffer. Sieben Millionen!

 

Und was für spannende Sachen, es da gibt: Abnehmen mit Achtsamkeit, Rauchen aufhören mit Achtsamkeit, zum inneren Glück mit Achtsamkeit, verkaufen mit Achtsamkeit, etc. pp. Die „Zeit“ hat sogar dieses Jahr einen Artikel veröffentlicht in dem es darum ging, dass Achtsamkeit der neue Egoismus ist.

 

Hmmm, okeeeeyyy.

 

Für mich bedeutet Achtsamkeit, zu wissen, was mir gut tut, auf was ich meinen Fokus lege und wohin meine Energie geht. Und das habe ich gelernt mit vielen Versuchen, Scheitern und wieder Aufstehen und weitermachen.

 

Und das Scheitern sah dann so aus:

 

Ich saß in meinem Büro Job am Telefon und bekam gerade den ungefilterten Stress von meinem Chef ab. Ich war in unserem kleinen dreier Büro sehr lärm empfindlich geworden über die Jahre und die Tür zum Gang war zu. Während meines Telefonat öffnete mein absoluter Lieblings Kollege die Tür und unterhielt sich noch mit jemanden der vorbeiging. Das heißt also: ich nervigen Chef im Ohr und Geräusch Kulisse zu 100% gestiegen.

 

Und sofort war ich im Kampf oder Flucht Modus. Im Kampf Modus geht das Adrenalin im Körper hoch (man sieht rot), die Atem Frequenz verkürzt sich, Cortisol schiesst durch den Körper und der Stress ist da. Es kommt zu Affekthandlungen.

 

Und genau in diesem Affekt, warf ich einen Stift in Richtung Tür. Weil ich mir nicht anders zu helfen wusste. Und wie der Zufall es so will, genau in dieser Situation konnte ich treffen und zielen.

 

Meinem armen Kollegen genau an den Kopf, auf die Brille – die heil bleib.

Völlig verdutzt und verärgert schlug er die Tür zu und marschierte ab.

 

Ich lief vor Scham rot an und hätte am liebsten geheult. Nach dem Telefonat mit meinem Chef, bin ich natürlich sofort zu meinem Kollegen ins Büro und hab mich 1000 Mal entschuldigt. Mir ist die ganze Situation noch heute sehr peinlich.

 

Drei Jahre später und raus aus dem Bürokonstrukt, hätte ich für die Situation folgende Lösung an mich selber: erstmal tief durch atmen, Augen Kontakt mit meinem Kollegen an der Tür aufnehmen und ihm ein Zeichen geben, dass ich am Telefon bin.

 

Der Kampf-Flucht Modus kommt übrigens aus der Zeit, wo wir Menschen noch in der Steinzeit unterwegs waren. Wenn uns damals ein Säbelzahn Tiger angriff, gingen wir sofort in den Kampf oder Flucht Modus. Dieser Modus wird übrigens in der Stressforschung auch noch um den Freeze, also einfrier/totstell- Modus erweitert. Das ist dann der Moment, wenn man so erschrickt über etwas, dass man ganz starr wird.

 

Natürlich reagiert jeder Mensch anders auf Stress und alles ist auch von der persönlichen nervlichen Konstitution abhängig. Beim Lesen meines peinlichen Stiftwurf-Erlebnisses werden Sie wahrscheinlich lachen, lieber LeserIn. Für mich war das Stress pur.

 

Damit es Ihnen besser ergeht, habe ich unten acht Tipps für mehr Achtsamkeit im Büro.

Alle von mir über die Jahre hin angewandt. Und mit unterschiedlichen Einstiegs Stufen.

 

Acht Tipps für mehr Achtsamkeit am Arbeitsplatz

Für Einsteiger:

  • Den Arbeitsplatz einfach mal verlassen.

Das mag jetzt ein bisschen sehr einfach klingen, aber bevor ich mich in eine Aufgabe stürze, die wie ein riesiger Berg vor mir liegt, gehe ich gerne einmal in die Küche und hol mir einen Tee oder einen Kaffee. Noch besser funktioniert allerdings

 

  • Einen Spaziergang machen.

Ich weiß, viele Menschen sind so eingespannt von den täglichen to-do Listen, dass Sie sich jetzt denken, ich habe keine Zeit, um einen Spaziergang zu machen. Es muss ja nicht eine Stunde sein, schon ein schneller Gang um den Block kann Wunder bewirken, um den Kopf frei zu pusten, neue Gedanken in den Kopf zu lassen, einfach mal RAUS aus dem oft hektischen Büroleben.

 

  • Beim Telefonieren stehen.

Klingt auch irgendwie sehr einfach, funktioniert aber. Denn wenn ich beim Telefonieren stehe, komme ich nicht in Versuchung irgendwas nebenbei zu machen und bin voll und ganz für den Anrufer da.

 

  • Ein aufgeräumter und inspirierender Arbeitsplatz.

Ich gestehe es, ich bin ein kreativer Chaot. Auf meinem Schreibtisch sah es jeden Tag aus als hätte eine Bombe eingeschlagen. Bis ich irgendwo mal einen schönen Satz gelesen habe, der in etwa so hieß wie „so wie es im Außen aussieht, sieht es auch in deinem Kopf aus“. Von da an habe ich meinen Schreibtisch aufgeräumt, nur das Nötigste steht nun noch drauf. Was auch immer super ist, sich für den nächsten Tag kurz aufschreiben, was zu tun ist. So nimmt man nichts im Kopf mit und startet quasi jeden Tag neu und aufgeräumt im Inneren und im Außen durch.

Ich habe mir aus einer Zeitschrift auch die folgenden vier Sätze an die Wand gepinnt und wenn der Stress wieder allzu heftig wird, lese ich sie:

Erstmal einen Kaffee / Sie werden mich schon nicht fressen / Morgen ist ein neuer Tag und auch das geht vorbei.

 

 

Für einen mittleren Einstieg:

 

  • Digital detox.

So sehr ich das Internet und mein Handy liebe, so sehr merke ich auch immer öfter, wie sehr mich dieses ständige berieseln durch den Informationsfluss z.B. durch Facebook, neue E-Mails, Anrufe, gefühlt ALLES ist immer zu JEDER Zeit verfügbar, von meinen eigenen Gedanken und Gefühlen weg bringt. Deshalb liegt mein Handy beim Spazieren prinzipiell zu Hause. Und beim Essen, esse ich Und schaue nicht noch schnell auf Facebook & Co. Und plötzlich schmeckt mir das Essen auch wieder und ich nehme bewusst wahr, was ich da auf dem Teller habe.

 

  • Mini Abenteuer im Alltag erleben.

Hier geht es um das Ausbrechen aus dem täglich gleichen Trott: gleicher Weg zur Arbeit, an dem gleichen Stand Frühstück kaufen, mittags immer zum gleichen Italiener um die Ecke gehe, und so weiter und so fort. Wir Menschen sind Gewohnheitstiere und gehen gerne immer die gleichen Wege. Von Nachteil dabei ist, dass wenn wir immer das Gleiche tun – auch das Ergebnis immer das Gleiche ist.

Deshalb sind Mini Abenteur im Alltag ein gutes Mittel um Neues zu erleben und somit sich aus seiner Komfortzone raus zu bewegen. Warum nicht einmal zwei U-Bahn-Stationen vorher aussteigen und den Weg nach Hause laufen, ohne Google Maps natürlich. Kann sein, dass man nach dem Weg fragen muss und es kann sein, dass man eine sehr nette Antwort und Hilfe bekommt. Oder mal ganz woanders hin gehen zum Mittag essen? Libanesisch oder mal zu einem Foodtruck?

 

Für Profis:

  • Eine kleine (oder große) Meditation machen.

Es gibt mittlerweile sehr viele Apps, wie z.B. 7Mind oder headspace (nur in Englisch, sollte man mögen), die kurze Meditationen anbieten. Hierzu suchen Sie sich bitte einen ruhigen Ort, an dem Sie keiner stört, Handy in den Flugmodus und los geht es. Ich habe in beeindruckender Art festgestellt, dass ich mich viel besser konzentrieren kann, und somit viel leistungsfähiger bin, wenn ich täglich meditiere. Ich weiß, dass Meditation noch immer bei vielen mit einem bisschen esoterischen Touch verknüpft ist. Das ist aber schon ein sehr alter Denkansatz, denn wenn schon ein „harter Knochen“ wie Clint Eastwood täglich meditiert, kann das nicht soooo verkehrt sein. Es geht bei meiner bzw. dieser Art der Meditation einfach darum für eine kurze (oder längere Zeit) sich auf seinen Atem zu konzentrieren und die Gedanken im Kopf zur Ruhe zu bringen.

 

  • Bewusste Entscheidungen für sich selber treffen.

Wir haben immer (!) die Möglichkeit auf zwei Arten auf eine Situation zu reagieren. Geh ich jetzt z.B. auf den neusten Klatsch im Büro ein und lass mich völlig in den Negativstrudel von meinen KollegenInnen ziehen oder – und diese Variante gefällt mir besser, sogar viel besser, verlasse ich einfach die Situation mit einer gemurmelten Entschuldigung, ala „die Arbeit ruft“. Wer hier schon sehr mit sich selber im Reinen ist und großes Selbstbewusstsein besitzt, kann auch gerne den Satz sagen: Für dieses Gespräch stehe ich nicht zur Verfügung.

 

Es gibt es eine alte indianische Geschichte dazu, an die ich mich immer gerne erinnere, wenn ich in so eine „Achtung, hier kommt Klatsch, negative Neuigkeiten, …“ Situation komme.

 

Abends am Lagerfeuer erzählte ein alter Indianer seinem Enkelsohn von einem Kampf, der in seinem Inneren tobt.

Er sagte: „Mein Sohn, dieser Kampf wird von zwei Wölfen ausgefochten, die in jedem von uns wohnen.“

Der eine Wolf ist böse:

Er ist der Zorn, der Neid, die Eifersucht, die Sorgen, der Schmerz, die Gier, die Arroganz, das Selbstmitleid, die Schuld, die Vorurteile, die Minderwertigkeitsgefühle, die Lügen, der falsche Stolz und das Ego.

 

Der andere Wolf ist gut:

 

Er ist die Freude, der Friede, die Liebe, die Hoffnung, die Heiterkeit, die Demut, die Güte, das Wohlwollen, die Zuneigung, die Großzügigkeit, die Aufrichtigkeit, das Mitgefühl und der Glaube.

 

Sein Enkel dachte einige Zeit über die Worte des Großvaters nach und fragte dann: „Und welcher der beiden Wölfe gewinnt den Kampf?“

 

Der alte Cherokee antwortete: „Der den du fütterst!“

 

Es geht darum, auf was wir den Fokus legen mit unseren Gedanken und Emotionen! Welchen Wolf in mir will ich Nahrung geben, wenn ich mir den neuesten Klatsch jetzt anhöre? Da der meiste Klatsch, meiner Erfahrung nach aus Angst entsteht, entscheide ich mich für den weißen Wolf und somit habe ich wieder die Macht zu entscheiden.

 

Dieser Artikel ist in Form einer Lernenden Organisation zwischen Irene Kasapis und Martin Pröttel entstanden.

 

 

 


Irene Kasapis:

Wenn ich nicht gerade im Internet bin, findest Du mich beim Yoga oder im Grünen: Fahrrad fahren, Spazieren gehen oder ein Buch lesend. Ich koche und esse leidenschaftlich gerne vegetarisch. Meine geheime Leidenschaft sind Kreuzworträtsel. Ich liebe es den Geschichten von den verschiedensten Menschen zu lauschen. Und seit neuestem diese auch selber zu schreiben. Persönlichkeitsentwicklung, Yoga und Meditation haben mein Leben bereichert, geändert und gerettet.